Ethnologie
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Gebrauch des Mobiltelefons durch Frauen im Kontext der Geschlechterbeziehungen in Gilgit-Baltistan

Keine Technologie verbreitete sich jemals weltweit so schnell wie das Mobiltelefon. Zur Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bietet sich Hans Peter Hahns Theorie der kulturellen Aneignung an. Bei der Untersuchung materieller Kultur soll dabei der Fokus auf die Handlungsperspektive lokaler Individuen gelegt werden, die in ihren jeweiligen kulturellen Kontext eingebettet sind.

Im kargen, schroffen Hochgebirgsraum von Gilgit-IMG_1108_1-martinBaltistan eröffnet das Handy ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation. In Gilgit-Baltistan leben die Angehörigen von drei muslimischen Religionsgemeinschaften: Schiiten, Sunniten und Ismailiten. Besonders bei Schiiten und Sunniten stellen strikte Geschlechtertrennung und die Ausdifferenzierung von Gender-Rollen eine Grundbedingung des gesellschaftlichen Lebens dar. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern unterliegen starker (Selbst-)Kontrolle und die Lebenswelt der Frauen ist größtenteils auf den eigenen oder die umliegenden Haushalte der nahen Verwandten beschränkt. Nur auf dem Land herrscht relativ große Bewegungsfreiheit für Frauen aller Altersschichten; diese Gewohnheiten übertragen sie nun auch auf die Vororte von Gilgit Stadt, in die viele Leute wegen Jobs und Ausbildung ziehen. Da Männer den Frauenraum stets mitkonstituieren, kann der Gebrauch des Mobiltelefons von Frauen nicht ohne den männlichen Bedeutungsrahmen betrachtet werde. Im Zentrum der Forschung steht die Frage, ob und wie der Mobilfunk die vorherrschenden Geschlechterbeziehungen verändert. In Anlehnung an Judith Butlers doing gender geht es letztendlich weniger um das Handy an sich, sondern die empirische Ebene der alltäglichen Aushandlung von Geschlechterrollen und der sich darin widerspiegelnden normative Mann-Frau-Vorstellungen. Männer und Frauen in Gilgit und Umgebung schreiben dem Handy dabei besondere Bedeutung für den Kontakt zwischen jungen Partnern frisch arrangierter, aber noch nicht vollzogenen Ehen (Unterschied nikah und shadi) zu.

Um der nach Religionszugehörigkeit, regionaler Verortung, unterschiedlicher Netzverfügbarkeit und im Stadt-Land-Gegensatz begründeten Bandbreite von Möglichkeiten des Mobiltelefongebrauchs und seiner zwischengeschlechtlichen Auswirkungen gerecht zu werden, ist die Feldforschung seit August 2013 sowohl im urbanen Umfeld der Stadt Gilgit, als auch ländlichen Vergleichsräumen der Region Gilgit-Baltistans verortet.

Projektteam: Prof. Dr. Martin Sökefeld (Projektleiter), Anna-Maria Walter, MA (wissenschaftliche Mitarbeiterin).

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (SO 435/7-1)

Publikationen:

Walter, Anna-Maria (2016). Between “pardah” and sexuality: double embodiment of “sharm” in Gilgit-Baltistan. Rural Society, DOI: 10.1080/10371656.2016.1194328

Walter, Anna-Maria (2015). Liebe geht durch den Daumen. Forschung - Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft 03/15: 4-9. Hier online verfügbar.

Walter, Anna-Maria (2014). Changing Gilgit-Baltistan: Perceptions of the recent history and the role of community activism. Ethnoscripts 16, Nr. 1. Hier online verfügbar.

Walter, Anna-Maria (2013-14). Emotions in Conflict – Multiple Entanglements in two (Failed) Love Stories from Gilgit-Baltistan. Scrutiny - A Journal of International and Pakistan Studies, Vol. 7-8: 69-94.

 

 

Medienberichte:

Interview mit Anna-Maria Walter im Südwestrundfunk: Digitale Romanzen - Handynutzung in Pakistan (22. 10. 2015)

Artikel und Fotostrecke zum Projekt in Spiegel Online: Handyromanzen in Pakistan: "Ich schwöre, ich vermisse Dich"


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