Ethnologie
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Wohlfahrt als ‚Kontaktzone‘ von Christ(inn)en und Staat: Erfahrungen und Aushandlungen von Staat und Bürgerschaft in Pakistan im Spannungsfeld von islamischem Staat und globaler Sicherheitspolitik

Die spontane Imagination von Pakistan ist gewöhnlich nicht die eines „Wohlfahrtsstaates“. Zu Recht auf der einen Seite , so sind Armut und soziale Unsicherheit sowie die Abwesenheit und Unzuverlässigkeit des Staates im Bereich der sozialen Sicherung – und dies gilt besonders für die christliche Minderheit – weit verbreitet; zu Unrecht auf der anderen Seite, denn es gibt seit den Gründervätern des Staates, die Pakistan als islamischen Wohlfahrtsstaat imaginierten, parteiübergreifend politische Anstrengungen diese Utopie zu verwirklichen. Was dabei genau unter islamischem Wohlfahrtsstaat verstanden wird, darüber gibt es rege Diskussionen. Die Idee des Wohlfahrtsstaates ist in Pakistan seit jeher von „westlichen“, säkularen Konzepten als auch durch Vorbild und Praxen islamischer Wohlfahrtstaaten geprägt. In den letzten Jahren wird dabei das klassisch dem souveränen Staat unterstellte politische Feld zunehmend durch globale und internationale Akteure beeinflusst und finanziert. Wie auch in anderen Regionen wird Sozialpolitik zudem sowohl durch wirtschafts- als auch (globale und internationale) sicherheitspolitische Interessen und Agenden stark penetriert. Die Gestalt wohlfahrtsstaatlicher Praxen ändert sich dadurch: das Ziel der sozialen Sicherung verschwimmt mit Zielen wie globaler Armutsbekämpfung , Empowerment von Frauen, globale Sicherheit oder auch homeland security und nicht zuletzt der Wirtschaftsförderung. Die armen Bevölkerungsschichten werden mit einer Landschaft hoch dynamischer Maßnahmen konfrontiert in denen die Zielgruppen rasch wechseln, Leistungen unsicher und Zielsetzungen undurchsichtig und zuweilen höchst ambivalent sind.

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Die Ethnologie der Wohlfahrt beschränkt sich bisher weitgehend auf die Regionen Europa und Nordamerika und konzentriert sich thematisch stark auf wirtschaftsliberale Reformen („Entrepreneurismus“) zum einen und Geschlechterfragen zum anderen. Auch diese geographische Verengung ist ein guter Grund für eine Wohlfahrtsstaatsforschung in Pakistan, in der das Konzept islamischer Wohlfahrt eine bedeutende Rolle spielt. Was verbirgt sich hinter „Wohlfahrt“ und „Wohlfahrtsstaat“ in Pakistan? Was taugen Konzepte von (souveränem) Staat und (marginalisierter)Bürgerschaft um „staatliche“ Wohlfahrt in Pakistan zu beschreiben? Ich betrachte für meine ethnographische Forschung in Pakistan Staat und Bürgerschaft zum einen als Imaginationen und zum anderen als Bündel von Praxen. Staatliche Wohlfahrt konzeptualisieren wir im Anschluss an Uli Linke (2006) für die Forschung vorrangig als „Kontaktzone“. Hier treten Staat und Bürger_innen nicht nur in Kontakt miteinander, sondern konstituieren sich auch gegenseitig. Linke richtet mit dem Konzept der Kontaktzone den Fokus auf die somatosensorischen Gestalt des politischen Feldes. Wohlfahrt soll untersucht werden als ein „Ort“ an dem Staat/das politische Feld sich manifestiert und sinnlich erfahren wird; als „Ort“ der Subjektivierung und kulturellen Aneignung von Staat und Bürgerschaft; und als „Ort“ an dem - nicht zuletzt mittels des Transfers von „Gaben“ - politische Beziehungen, Identitäten und Emotionen entstehen und verhandelt werden.

Im Fokus der Erhebungen stehen die subjektiven Erfahrungen und kultureller Aneignungen des (Wohlfahrts-)Staates und die Aushandlungen von Staat und Bürgerschaft durch Mitglieder der christlichen Minderheit in Großstädten. Ein großer Teil der Christen_innen im urbanen Pakistan lebt unter prekären sozio-ökonomischen Verhältnissen. Trotz ihrer prekären Lage ist ihnen direkt oder indirekt – aufgrund ihres Religionszugehörigkeit sowie ihrer sozialen Marginalisierung – der Zugang zu etlichen Leistungen (staatlicher und nicht-staatlicher) Wohlfahrt verwehrt, insbesondere wenn es sich um Institutionen „islamischer“ Wohlfahrt handelt. So haben sie z.B. keinen Zugang zu öffentlichen Armenspeisungen an Moscheen und muslimischen Schreinen, ihnen stehen nur begrenzt Leistungen aus durch gesetzliche Abgaben gespeiste staatlicher Fonds wie dem Bait-ul-Mal Fond zu und es mangelt ihnen an sozialem Kapital, um sich in „korrupten“ Verteilungspraxen durchzusetzen). Neben exklusiven und diskriminierenden Strukturen gibt es aber auch immer wieder explizite Bestrebungen religiösen Minderheiten gleichberechtigt in staatliche Wohlfahrtsschemata zu inkludieren(z.B. im Benazir Bhutto Income Support Program).

Zentrale Fragen der Forschung sind: Wie erfahren Christen_innen Staat und Bürgerschaft im Kontext staatlicher Wohlfahrtspraxis? Wie imaginieren sie Staat, wie Bürgerschaft unter den aktuellen Bedingungen? Wie eignen sie sich den Staat und seine Gaben kulturell an? Wie verhandeln sie ihre Beziehung zum Staat? Wie gestalten sich Subjektivierungsprozesse in der Kontaktzone Wohlfahrt? Wie und welche politischen Emotionen entstehen in dem hoch dynamischen Feld „staatlicher“ Wohlfahrt?

Projektteam: Prof. Dr. Martin Sökefeld (Projektleiter), Maria Beimborn, MA (wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (SO 435/9-1), 2014 - 2017

Publikation:

Maria Beimborn (2014) Christians in Gilgit: Negotiating subalternity and citizenship. Ethnoscripts 16, Nr. 1. Hier online verfügbar.

Im DFG-Jahresbericht 2014 befindet sich eine kurze Projektdarstellung.

Verantwortlich für den Inhalt: Martin Sökefeld


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