Ethnologie
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Karin Riedl, M.A.

Karin Riedl, M.A.

Doktorandin und Lehrbeauftragte

Aufgabengebiet

Ethnologie der westlichen Moderne, Neoliberalismus und Szeneforschung, Aneignung, Schamanismus und Kunstethnologie, Sprachen und Kulturen des Andenraums.

Lehrveranstaltungen:
SS 2014: Seminar: Schamanismus als westliche Konstruktion, Do 12-14 c.t., Raum 115

Kontakt

LMU München
Institut für Ethnologie
Oettingenstr. 67
80538 München

Telefon: +49-89-2180-9601
Fax: +49-89-2180-9602

Sprechstunde:
nach Vereinbarung

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Promotionsprojekt:

„Freie Liebe“ – Praxis, Vorstellung und Reflexion einer Idee zwischen „alternativer“ Szenekultur und übergreifenden Diskursen

Betreuung: PD Dr. Alexander Knorr

Förderung: Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes

Im Fokus meines Promotionsprojektes steht die Praxis, diskursive Einbettung und ideelle Herkunft des kulturellen Konzeptes der „freien Liebe“ in der Lebenswelt eines bestimmten Personenkreises. Dieser ist zu Beginn heuristisch definiert als die „alternative Szene“ Münchens, wobei die Frage nach den Selbst- und Fremdzuschreibungsprozessen und Aushandlungen, die diese „Alternativität“ herstellen, Teil der Forschungsfrage ist. Ausgangspunkt ist die empirische Beobachtung, dass eine signifikante Zahl von Menschen ihr „Liebesleben“ – also ihre sexuellen, erotischen und (oft, aber nicht notwendigerweise) partnerschaftlichen Beziehungen – nach bestimmten Maximen wie Unverbindlichkeit, Verpflichtungslosigkeit, Nicht-Exklusivität, Kurzfristigkeit, Wandel und Neuerung und vor allem „Freiheit“ gestaltet, die sich auf praktischer Ebene im häufigen Abbruch und Neubeginn, der bewussten „Definitionslosigkeit“ und Inoffizialität dieser Beziehungen sowie in einer Reihe charakteristischer Gefühls- und Problemlagen und einer bestimmten „emischen Begrifflichkeit“ manifestiert. Zudem ist zu beobachten, dass sowohl aus objektiver als auch aus Akteurssicht häufig (aber keineswegs immer) ein Widerspruch zwischen dieser Praxis und dem ebenfalls von vielen geteilten Ideal der „romantischen Liebe“ herrscht.

Ziel der Forschung ist es, die in diesem Zusammenhang relevanten Konstrukte „Liebe“ und „Freiheit“ sowohl auf ideeller als auch auf handlungspraktischer Ebene zu erfassen: Wie sind diese Konstrukte ideengeschichtlich entstanden und in welche Metadiskurse sind sie eingebettet? Was bedeuten sie für diese Menschen und wie übersetzen sich diese Bedeutungen in Handlungen? Die Forschung geht allerdings nicht von einer völlig offenen Fragestellung aus, sondern von der Hypothese, dass das „Liebesleben“ dieser Menschen unter dem massiven Einfluss eines neoliberalen Diskurses steht und dass insbesondere der Begriff „Freiheit“ von diesem geprägt ist. „Freiheit“ hängt in diesem Falle eng mit dem Bild eines autonomen, bindungslosen Subjekts zusammen, das sein Leben nach den Prinzipien der Flexibilität, Dynamik, Konsumfreudigkeit, Augenblicksfokussierung und dem Streben nach letztlich unerreichbarer Bedürfnisbefriedigung gestalten soll und sich genau deshalb nur als „frei“ empfinden kann, wenn es sich alle Handlungsoptionen offenhält. Diese kollektiv konstruierte Vorstellung von „Freiheit“ und die damit einhergehende Subjektivierungsweise ist nach Foucaults Theorie der Gouvernementalität das Kernelement von Herrschaft im neoliberalen System und nach meiner Hypothese von großer Wirkmacht auch über die Gestaltung intimer Lebensbereiche. Eng damit verbunden ist in einem zirkulären Gedankengang die eingangs erwähnte Frage, was im Kontext eines derartigen Systems als „alternatives“ Handeln und Sein gelten kann.

Andererseits aber ist auch das Konzept „Liebe“ unter bestimmten sozioökonomischen Umständen entstanden, wurde seit dem 19. Jahrhundert mit bestimmten Gefühlslagen assoziiert und medial reproduziert; es ist also ebenfalls Ergebnis eines keineswegs abgeschlossenen Konstruktionsprozesses, dessen Fortgang ich in der Feldforschung miterlebe (um zwei Zitate aus dem Feld anzubringen: „Wie lange muss es dauern, damit es Liebe ist?“; „Gibt es irgendeinen logischen Zusammenhang zwischen Liebe und Exklusivität?“).

Es ist nicht mein Ziel, einfach Belege für meine Thesen zu sammeln, sondern vielmehr, die gesamte Thematik mit den Forschungsteilnehmern in einem partizipativen Prozess zu reflektieren und zugleich eine dichte ethnographische Beschreibung der sozialen Welt zu ermöglichen, um die es geht. Meine Rolle wird dabei die eines „Katalysators“ und zugleich auch die einer Teilnehmerin sein, denn ich erforsche hierbei einen Teil meiner eigenen Lebenswelt und unter anderem mich selbst, was sowohl einen „privilegierten Zugang“ bietet als auch ein erhöhtes Maß an Selbstreflexivität und einen bewussten Umgang mit der ethnographischen Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz erfordert.

Werdegang:

  • Veröffentlichung der Magisterarbeit: Riedl, Karin 2014: Künstlerschamanen. Zur Aneignung des Schamanenkonzeptes bei Jim Morrison und Joseph Beuys. Bielefeld: transcript.
  • Sommersemester 2014: Lehrauftrag LMU
  • ab 04/2014 Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
  • ab 09/2013 Promotion an der LMU bei PD Dr. Alexander Knorr, Arbeitstitel des Promotionsprojektes: „Freie Liebe“ – Vorstellung, Praxis und Reflexion einer Idee zwischen „alternativer“ Szenekultur und übergreifenden Diskursen
  • 02/2013: Magisterabschluss an der LMU
  • 2004-2013: Studium Ethnologie, Recht und IkK an der LMU München; Erziehungszeit, Auslandsaufenthalte in Spanien, Syrien und Südamerika